Müritz-Wirtschaft aktuell Nr. 8
15.12.2005, Wirtschaftsförderung Müritz
Sehr geehrte Damen und Herren,
G E I Z I S T E I N E B I B L I S C H E S Ü N D E ! ! !

Dem aufmerksamen Konsumenten ist sicher nicht entgangen, dass Hersteller und Handel seit geraumer Zeit ebenfalls das primitiv Negative oder Hässliche in der Werbung für sich entdeckt haben. Da ist man zum Beispiel als Kunde doch nicht blöd, wenn man bei einer bestimmten Ladenkette einkauft ( oder doch eben lieber nicht ? ),oder der Kunde darf sich durchaus als „GEIL“ fühlen, wenn er den „GEIZ“ für sich entdeckt hat, was natürlich vom Wortgebrauch her ebenso falsch wie dümmlich ist. Aber solche Sprüche sind einprägsam, werden schnell zu Schlagworten und erregen bei dem größten Teil der potentiellen Kunden Aufmerksamkeit- und nur darauf kommt es den Machern an. Wenn es nur die Vergewaltigung der deutschen Sprache wäre, könnte man diesen Trend der Werbung ja eventuell (leider) noch als zeitgemäße Entgleisung tolerieren. Viel schädlicher sind jedoch die ökonomischen Folgen solcher Einstellungen!
Geiz ist weder geil noch sonst wie von Vorteil. Für den Kunden und für die Wirtschaft sind solche Auffassungen geradezu tödlich!
GEIZ IST EINE TODSÜNDE !
Dies setzt der Autor eines Artikels in der Zeitschrift „ Lenz“ dem Werbespruch des Handels entgegen mit Namen Anselm Bilgri, Benediktinermönch u n d Unternehmensberater.
Mit dem „heißen Draht nach oben“ musste der es doch eigentlich wissen. Aber nicht nur in der konsumfreudigen vorweihnachtlichen Zeit sollte man/frau über seine Erkenntnisse einmal nachdenken und verinnerlichen.
In Deutschland, das spüren die Menschen instinktiv hierzulande, ist etwas aus dem Lot geraten. Alles muss immer billiger werden- und kaum jemanden interessiert, welche Folgen dies insgesamt hat.
Doch die Folgen sind gravierend! Am Ende dieses im Zusammenhang zu sehenden Netzwerkes von verschiedenen Puzzle-Teilchen ergibt sich eine Antwort, warum Deutschland in der Krise steckt- und auch, wie wir wieder herauskommen.
Anselm Bilgri führt weiter aus, dass für die Krise in Deutschland ausschlaggebend sei, dass sich die Lebensschwerpunkte verändert haben. Vor 30 Jahren hat jeder Deutsche etwa die Hälfte seines Einkommens für unmittelbar Lebensnotwendiges wie Lebensmittel, Kleidung etc. ausgegeben. Heute sind Wohnen sowie Reisen und Kommunikation (Telefon, Handy, Internet) viel wichtiger. Die Folgen sind nicht offensichtlich, aber mehr als dramatisch:
In den letzten 5 Jahren hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft halbiert. Aber wer denkt schon beim freudigen Einkauf von 1 Liter Milch für ca. 30 Cent an die Existenzsorgen der Bauern ,die dafür (und für weniger) Kühe halten, füttern und melken müssen. Gleiches gilt letztlich auch für T-Shirts für 3,99 € oder Stühle für 9,90€.Die Folge: eine Textil- oder Möbelindustrie mit Millionen Arbeitsplätzen in Deutschland gibt es nicht mehr. Wir freuen uns über immer günstigere Baupreise oder organisieren gerne für Reparaturen am oder im Haus eine „Nachbarschaftshilfe“ Inzwischen wird fast ein Fünftel der wirtschaftlichen Leistungen durch Schwarzarbeit erbracht. Eine unmittelbare Folge:
Die Bauindustrie verlor von 1998-2004 etwa 800000 Stellen. Tendenz steigend. Das sind immerhin ein Drittel des ehemaligen Bestands. Natürlich fehlen dem Staat die Einnahmen (Steuern) ebenso wie den Renten- und Krankenkassen.
Das gleiche Schicksal erleidet derzeit der Einzelhandel selbst. Nicht ganz unverschuldet, wie obige Slogen zeigen. Einerseits würden die Deutschen am liebsten mit guter Beratung in kleineren Geschäften einkaufen. Aber tun sie es auch ? Eingekauft wird dort, wo es die billigsten Preise gibt- bei Discountern. Deren Zahl hat sich in den letzten 20 Jahren um 50 (!) Prozent erhöht. Die Zahl der Arbeitsplätze nahm im Einzelhandel in den letzten 3 Jahren um mehr als 100.000 ab.
Bilgri stellt die Frage in den Raum, ob es da keinen Zusammenhang gibt, dass derzeit nur noch 26 Millionen Deutsche, damit weniger als ein Drittel der Bevölkrung, einen sozial- Versicherungspflichtigen Job haben? Oder anders gesagt: 26 Millionen müssen 82 Millionen ernähren. Kein Geld in den Kassen? Logisch!
Gibt es auch Antworten auf die Krise?
Der Schuldige wird speziell von den Deutschen sehr schnell in der gegenwärtig deutlichen Globalisierung gesucht. Diese ist nicht aufzuhalten. Man muss allerdings lernen, damit umzugehen. Ganz wichtig ist es, dass wir lernen, dass alles, was ich nutze oder kaufe, positive und negative Effekte hat. Durch ein bisschen Nachdenken bezüglich der Folgen kann jeder dazu beitragen, dass es der heimischen Wirtschaft besser geht, dass Arbeitsplätze bei uns gesichert werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich statt Arbeitsplatz vernichtender Rabattschlachten und Schnäppchenjagd wieder ein Qualitätsbewusstsein durchsetzt, was einen enormen Beitrag als Ausweg aus der Krise leisten könnte.
Und das liegt nun einmal am König Kunde, egal, ob er den Cent einmal oder dreimal umdrehen muss.
Wie sagte doch die Mutter eines Freundes so treffend:
Wir sind viel zu arm, um uns etwas Billiges zu kaufen.

Gerade wenn man wenig hat, sollte man genau überlegen, wofür man das wenige Geld ausgibt .Insofern ist Geiz nicht geil, sondern nach Bilgri eine biblische Todsünde.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Geiz im angesprochenen Sinne hat nichts mit gesunder Sparsamkeit zu tun. Auch die Discounter haben ihre Berechtigung. Ob ich als Kunde dort nun wie in einem großen Warenhaus alles kaufen muss, bleibt allerdings meine Entscheidung. Lassen wir nicht außer acht, dass jeder Preisverfall andererseits auch hohe kriminelle Energie provoziert Das Beispiel des jüngsten Fleischskandals spricht Bände.
Gerade, aber nicht nur, in der vorweihnachtlichen (Einkaufs) Zeit sollten wir einmal innehalten und über die Ansichten des Mönches und jetzigen Unternehmensberaters Anselm Bilgri nachdenken. Vielleicht hilft es bei einer Entscheidung – langfristig in unser aller Interesse .Und Nachdenken kostet nichts!


Autor: Jürgen Sinn Quelle: Guter Rat , November 2005, Seite 20 ff
 
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